Fragen an den Jura-Slam-Sieger 2016

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Jonathan Dollinger
Foto: DAV/ Andreas Burkhardt



Im überfüllten „Edelweiß“ am Görlitzer Park in Berlin hat Jurastudent Jonathan Dollinger aus Freiburg am 21. November 2016 mit dem Slam „Klassiker der deutschen Lyrik im Lichte höchstrichterlicher Rechtsprechung“ klar den ersten Platz belegt beim DAV Jura-Slam Finale 2016. Die Gewinner der Vorentscheide aus Bielefeld, Greifswald, Hannover, Hamburg, Münster und Freiburg waren gegeneinander angetreten – der Süddeutsche gewann.


Kammerton: Herr Dollinger, die „Klassiker der deutschen Lyrik im Lichter höchstrichterlicher Rechtsprechung“, mit denen Sie das Publikum beim DAV-Slam-Finale begeistert haben, erwecken den Eindruck, als hätten Sie schon Erfahrung mit Slams. Seit wann sind Sie dabei?

Dollinger: Der Freiburger Vorentscheid im April 2016 war die erste derartige Veranstaltung, an der ich teilgenommen habe. Um ehrlich zu sein, habe ich davor noch nicht einmal einen Poetry-Slam als Zuschauer besucht. Aber ich bin seit fünf Jahren im Debattierclub Freiburg aktiv, sodass ich das freie Reden vor einem Publikum gewohnt bin.

Warum haben Sie sich in Freiburg am Vorentscheid beteiligt?

Der Freiburger Debattierclub hat den Vorentscheid zusammen mit der Jura-Fachschaft organisiert. Da ich mich mitten in der Examensvorbereitung befand, ging das alles etwas an mir vorbei. Einen Tag vor dem Vorentscheid sprachen mich die Organisatoren an, ob ich nicht noch teilnehmen wolle. Es hätten sich nämlich nur zwei andere Teilnehmer gemeldet. Da habe ich dann doch spontan Lust bekommen – ich hatte an dem Abend sowieso nichts anderes vor... Also habe ich zugesagt, mich Dienstagabend hingesetzt und einen Text verfasst und ihn am Mittwoch vorgetragen.

Beim Slam-Finale haben Sie einen gereimten Text vorgetragen. Ist das Voraussetzung für einen Slam?

Der typische Poetry-Slam ist nicht gereimt, sondern einfach ein rhythmisch vorgetragener Text. Allerdings gibt es an vielen Universitäten auch sog. Science-Slams, bei denen Wissenschaftler in kompakter, humorvoller Form ihre Forschung präsentieren. Ein solcher Text ist dann z.T. gar nicht mehr rhythmisch oder gereimt, sondern einfach ein kurzweiliger Vortrag. Auch beim Finale des Jura-Slams gab es keine Vorgaben für die Form der Beiträge. Mir gefällt diese Offenheit. Ich persönlich habe mich für die gereimte Form entschieden, weil ich in meinem Beitrag klassische Gedichte juristisch „weiterführe“.


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Publikum
Foto: DAV/ Andreas Burkhardt

Hat Jura-Slam eine Zukunft?

Da sich in anderen Disziplinen der Science-Slam etabliert, sehe ich keinen Grund, warum das nicht auch in den Rechtswissenschaften funktionieren sollte. Zumal es gerade unter Juristen doch viele sprachbegabte Menschen gibt, die keine Scheu vor öffentlichen Auftritten haben. Natürlich gibt es für Juristen schon viele Angebote in diese Richtung, z.B. Moot Courts. Den Mehrwert des Jura-Slams sehe ich aber in der humorvollen, vielleicht auch selbstkritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Fach. Deshalb freue ich mich, dass der DAV auch nächstes Jahr einen Slam abhalten will.

Gefällt Ihnen Ihr Jura-Studium genauso gut wie Jura-Slam?

Momentan befinde ich mich in der Examensvorbereitung – da überwiegen leider doch öfter einmal der Frust und der Druck durch die bevorstehenden Prüfungen. Inhaltlich gefällt mir das Studium gut. Weniger glücklich bin ich mit der Stofffülle und der oft eher oberflächlichen Art und Weise, in der Probleme und Meinungsstreitigkeiten behandelt werden. Ich würde mich lieber tiefergehend mit einzelnen Problemen bzw. Urteilen beschäftigen, wie das im Schwerpunktstudium und dort insbesondere in Seminaren der Fall ist. Da bleibt bei mir mehr hängen und mehr Spaß macht es auch.

Nichtjuristen beklagen oft das unverständliche Juristendeutsch. Wollen Sie es später besser machen?

„Unverständliches Juristendeutsch“ hat natürlich seine Berechtigung, wenn man einen präzisen Begriff braucht, um einen Sachverhalt zu beschreiben. Ich glaube nicht, dass wir auf diese Fachsprache verzichten können. Die Herausforderung ist, die Begriffe und Probleme dann auch für den Laien verständlich zu machen. Das ist eine spannende Aufgabe, die auch sehr lustig sein kann – ich erinnere mich gut, wie ich meiner Familie am Esstisch bei einer Diskussion über die Eurorettung zu erklären versuchte, was die „Kompetenz-Kompetenz“ ist... Ich könnte mir gut vorstellen, später einmal Urteilsanmerkungen oder Einführungen in ein bestimmtes Rechtsgebiet für Laien zu schreiben. Für völlig unnötig halte ich dagegen lange Bandwurmsätze, am besten noch mit vielen lateinischen Einschüben. Die will ich auf jeden Fall vermeiden.

Kammerton 12-2016

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