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Rechtsanwältin Dr. Vera Hofmann


U.a. von der 12. Jahrestagung des Forschungsinstituts für Anwaltsrecht


Von RAin Dr. Vera Hofmann, Vizepräsidentin der RAK Berlin



Am 25. November 2016 fand unter der Leitung des Geschäftsführenden Direktors Prof. Dr. Reinhard Singer die 12. Jahrestagung des Forschungsinstituts für Anwaltsrecht (IfA) in der Humboldt-Universität zum Thema „Karriere als Rechtsanwältin – Chancen, Risiken und Perspektiven“ statt.

Dies ist leider der Moment, an dem die meisten Männer nicht mehr weiterlesen.


Dies ist leider der Moment, an dem die meisten Männer nicht mehr weiterlesen, da das Thema Frauen in der Anwaltschaft viele einfach nicht interessiert, was sich auch auf Tagung zeigte. Ich habe es noch nie erlebt, dass auf einer Jahrestagung des Forschungsinstituts kein einziger Präsident einer Rechtsanwaltskammer anwesend war. So aber in diesem Jahr; außerdem waren ca. 95 % der Tagungsteilnehmer Frauen.

Dabei ist dieses Desinteresse eine schwerwiegende Fehleinschätzung, da die Anwaltschaft ein Problem hat, ein „Anwältinnenproblem“ wie der Kollege Markus Hartung, der als Referent teilnahm, es nannte: Es gibt zu wenig Frauen, die als Rechtsanwältin Karriere machen. Es handelt sich hier keineswegs um ein Thema von Frauen und nur für Frauen, vielmehr steuert die gesamte Anwaltschaft auf ein gravierendes demografisches Problem zu: Der Anteil der Frauen in der Anwaltschaft liegt bundesweit seit 2013 konstant bei mageren 33%. Im Jahr 2014 haben 56% Frauen das zweite Staatsexamen bestanden. Bei den ordentlichen Gerichten lag der Frauenanteil 2014 bereits bei 43%. Die Zahl der Neueinstellungen von Frauen in der Justiz steigt konstant, sie liegt zum Teil bei über 65%. Das heißt, die Juristinnen, vor allem viele gute Juristinnen, gehen in die Justiz. 

Die Anwaltschaft steuert auf ein Nachwuchsproblem zu: Die guten Juristinnen gehen in die Justiz.


Auf der Tagung wurde deutlich, dass gerade die mittelständischen und Großkanzleien bereits jetzt ein Nachwuchsproblem haben, welches immer größer wird. Während (momentan) noch ca. 33% Frauen in den mittelständischen und Großkanzleien als Berufsanfängerinnen einsteigen, so liegt die Verweildauer der später ausscheidenden Frauen bei geringen 3-4 Jahren. Es werden also mehr Männer eingestellt und diese bleiben länger in der Kanzlei, während der Frauenanteil beständig sinkt, sodass der Anteil der Partnerinnen in Großkanzleien in Deutschland bei gerade einmal 10-12% liegt. Zudem wird in vielen Großkanzleien grundsätzlich niemand zum Partner ernannt, der bzw. die in Teilzeit arbeitet.

Auch in der anwaltlichen Selbstverwaltung sind die Frauen unterrepräsentiert. Zwar ist die Berliner Rechtsanwaltskammer hier seit Jahren Vorreiterin: Im Vorstand der RAK Berlin sind momentan 45% Frauen. Berlin stellte bereits zwei Kammerpräsidentinnen, im Präsidium sitzen selbstverständlich seit vielen Jahren Frauen.

Der durchschnittliche Anteil von Frauen in den Vorständen der Rechtsanwaltskammern in Deutschland liegt jedoch bei geringen 26%, der Anteil in den Präsidien dürfte noch weit darunter liegen.

Der Anteil von Frauen in den Vorständen der RAK in Deutschland liegt bei nur 26%.


Dies spiegelt sich auch in den Hauptversammlungen der BRAK wieder: In den insgesamt 28 Kammern liegt der Anteil der Präsidentinnen bei 7%, das heißt: es gibt zwei Präsidentinnen. So war es auch völlig richtig, dass Axel Filges 2015 in seiner Abschiedsrede als Präsident der BRAK bedauerte, das „Genderthema“ in seiner Amtszeit nicht ausreichend angepackt zu haben. In der Tat liegt die BRAK hier sehr zurück. Sie hat es z.B. erst im dritten Anlauf geschafft, eine Präsidentin ins Präsidium zu wählen. Vor 4 Jahren und vor 8 Jahren scheiterte jeweils die Berliner Kandidatin in der Wahl zum BRAK-Präsidium. Erst im letzten Jahr wurde die damals einzige Kammerpräsidentin ins Präsidium der BRAK gewählt. Im Jahr 2015 (!) stieg der Frauenanteil im Präsidium der BRAK damit von bis dato Null auf 17%.

Man muss also sagen: der Anteil der Frauen, die in der Selbstverwaltung oder in der Anwaltschaft Karriere machen, liegt nicht nur unter 50%, sondern sogar deutlich unter 33%.

Auf der Tagung wurde versucht Gründe zu finden, wie es zu diesem Ungleichgewicht kommt, und Lösungsmöglichkeiten diskutiert.

Deutlich wurde, dass der Anwaltsberuf familienfreundlicher werden muss. Alle anwesenden Kolleginnen und Kollegen auf dem Podium aus den Groß- und mittelständischen Kanzleien sahen bei dieser Frage dringenden Handlungsbedarf. Gleichzeitig stellten alle ein starkes Beharrungsvermögen an diesem Missstand in den Kanzleien fest, so dass sich erstaunlich viele für die Einführung einer Quote aussprachen. Es bestand Einigkeit, dass die Kanzleien realistische Teilzeitmodelle sowie mehr Flexibilität am Arbeitsplatz und in der Karrierestruktur bieten müssten. Frauen bräuchten in der Führungsebene weibliche Vorbilder und vor allem attraktive Karriereperspektiven. In den größeren Kanzleien würde den Frauen vorgelebt, dass die verantwortungsvolle Stellung mit einer Familie nicht vereinbar sei. Sie stünden vor der Wahl die Kanzlei zu verlassen oder in der Kanzlei zu bleiben, dann aber dort behandelt zu werden wie eine nicht vollwertige Kollegin, die bezogen auf interessante Mandate und Karriere übergangen wird. Dies empfinden die Frauen als Sackgasse.


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V.l.n.r.: RA und Mediator Markus Hartung (Hamburg/Berlin), Prof. Dr. Cornelia Koppetsch (TU Darmstadt), Prof. Dr. Reinhard Singer (Geschäftsführender Direktor des Instituts für Anwaltsrecht), RAin Dr. Vera Hofmann (Vizepräsidentin RAK Berlin) und Prof. em. Dr. Harald Koch (HU Berlin) auf der 12. Jahrestagung des Instituts für Anwaltsrecht. Foto: IfA



  • Frauen brauchen in der Führungsebene weibliche Vorbilder und attraktive Karriereperspektiven.


Auf der Tagung wurde durchaus auch erwähnt, dass Frauen durch ein bestimmtes frauentypisches Verhalten ihre Chancen auf Karriere teilweise selbst behindern. Frauen bewerben sich meistens nicht aus Eigeninitiative auf höhere Ämter oder Positionen. Sollte ihnen ein solches Amt angetragen werden, neigen sie dazu erst tagelang zu überlegen, ob sie das können. Männer sagen viel schneller zu bzw. bringen sich sogar selbst ins Gespräch und stellen sich erst später – falls vorhanden – ihren Selbstzweifeln.

Das Selbstbewusstsein der Frauen steht noch immer hinter dem der Männer zurück. Es wurde beispielsweise berichtet, dass Männer beim Vorstellungsgespräch regelmäßig schon früh nach der Höhe des Gehalts fragen, Frauen jedoch sehr oft nicht, was ein weiterer Grund für den sog. Gender-Pay-Gap sein könnte.

Interessant war, dass sich Markus Hartung in seinem Vortrag eindeutig gegen „Frauenförderprogramme“ aussprach, um die Frauen für die Anforderungen der Kanzleien stark zu machen. „Don’t fix the women, fix the firm!“ war sein Credo, man müsse also vielmehr bei den Arbeitgebern ansetzen und die Kanzleien frauenfreundlicher machen.

Bei der Besetzung von Posten und Ämtern dürfte ein weiterer Grund der ungleichen Besetzung in der Geschichte liegen: Wegen der jahrelangen männlichen Vorherrschaft besetzen logischerweise Männer Posten, Podien, Gremien etc. Wenn es um die (Nach-)Besetzung solcher Stellen geht, denken Männer deshalb oft zuerst an Männer, sei es aus Gewohnheit oder Voreingenommenheit. So entsteht ein Teufelskreislauf, der wahrscheinlich nur durch besondere Förderung durchbrochen werden kann, zumal es ersichtlich in der Anwaltschaft an einem Problembewusstsein mangelt.

Von den Schwierigkeiten der Frauen, Familie und Beruf zu vereinbaren, dem Selbstbild der Frauen und Männer und der Erwartung der Gesellschaft berichtete auf der Tagung die Soziologin Prof. Dr. Cornelia Koppetsch. Es war für die anwesenden Juristinnen und Juristen sicherlich ein Highlight hier einmal über den Tellerrand schauen zu dürfen. Fazit von Prof. Koppetsch war, dass in den meisten Familien, in denen die Betreuung von Kindern und Haushalt nach eigenem Empfinden geteilt wird, es tatsächlich nur zu einer Wiederherstellung der alten Strukturen kommt, in denen die Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit vorwiegend von den Frauen gemeistert wird, inzwischen aber ohne Honorierung in Form von Anerkennung. Sie sprach von einem „Gleichheitsmythos“.

Da ich selbst gleich doppelt in einem Bereich tätig bin, wo der Frauenanteil deutlich unter 33% liegt, in der Selbstverwaltung als Vizepräsidentin der RAK Berlin und in der Strafverteidigung, erlaube ich mir mein persönliches Fazit bzw. meine persönlichen Wünsche zu formulieren:

Jede Frau sollte selbst entscheiden, wann sie nach der Geburt ihrer Kinder wieder anfängt zu arbeiten. Diese Wahl darf jedoch nicht durch fehlende Kita-Plätze oder gesellschaftliche Vorgaben eingeschränkt werden.

Zum anderen sollten Frauen nicht den Fehler machen, untereinander Haltungsnoten zu vergeben, wer die bessere Mutter oder emanzipiertere Frau ist. Man hört immer wieder, dass dies geschieht. Auf der Tagung haben mir mehrere Frauen erzählt, dass sie für ihre Entscheidung früh wieder in den Beruf zurückzukehren kritisiert, zum Teil regelrecht angefeindet wurden. Ich persönlich habe das erfreulicherweise nicht erlebt.

Ich habe jedoch etwas anderes erlebt. Ich habe zwei Kinder. Bei den Strafverteidigerinnen und Strafverteidigern kennt man sich. Insofern wusste die halbe Strafrechts-Community, dass ich schwanger war. Im Gegensatz zum werdenden Vater sieht man es ja bei den werdenden Müttern! Als die Kinder da waren und ich wieder in Moabit, wurde ich immer wieder gefragt, wo denn gerade die Kinder seien. Anfangs fand ich die Nachfrage freundlich und nett, sie war auch immer so gemeint! Aber dann merkte ich: Dem Vater, der auch Strafverteidiger in Berlin ist, wurde diese Frage fast nie gestellt. Und ich musste feststellen, dass ich von den Kollegen nach der Geburt der Kinder keine Mandate mehr bekam. Offensichtlich beinhaltete die Frage nach der Betreuung der Kinder die Vermutung, dass ich nur ausnahmsweise mal arbeite, mich sonst aber um die Kinder kümmere, zumindest, dass ich vorerst für größere Mandate keine Kapazitäten frei habe.

Ich will damit sagen: Es gibt sehr viele Formen der Diskriminierung, auch diese wohlmeinende, die uns Frauen im Beruf das Leben schwer machen.

Mein Wunsch:

Frauen und Männer müssen etwas tun um die Situation zu verändern.

Frauen müssen sich Ämter und Jobs mehr zutrauen und sich selbstbewusster hierfür in Position bringen. Frauen sollten sich besser vernetzen. Syndikusrechtsanwältinnen beauftragen Kanzleien. Sie sollten bei der Mandatsvergabe in den Kanzleien nachfragen, wie diese es mit dem Frauenanteil, Partnerinnen und Diversitätsfragen halten.

Männer müssen den Schuss endlich hören und verstehen, dass es sich hier nicht um ein Frauenthema handelt.

Männer hingegen müssen den Schuss endlich hören und verstehen, dass es sich hier nicht um ein Frauenthema handelt. Sie müssen merken, dass sich etwas verändern muss und sie aktiv dazu beitragen sollten. Das Verharren in alten Strukturen ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, es wird sich auch wirtschaftlich auswirken, z.B. durch Rückgang der Mandate oder fehlendem Nachwuchs.

Kammerton 12-2016

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