Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war

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Rechtsanwalt Dr. Niklas Auffermann


Ein persönlicher Bericht von Dr. Niklas Auffermann, Vorstandsmitglied der RAK Berlin



Prognosen sind eine heikle Angelegenheit. Vor allem, wenn sie den technischen Fortschritt betreffen und von Anwälten für Ihre eigene Zunft aufgestellt werden. Am 2. und 3. September 2016 fanden sich in Köln 360 Teilnehmer und 30 Referenten zusammen, um auf dem Anwaltszukunftskongress gemeinsam über die Zukunft der Anwaltschaft zu diskutieren.

Gestritten wurde wenig, vielmehr gestaunt über das, was kommen soll oder in anderen Ländern schon längst Realität ist: Die klassische Dienstleistung des Anwalts soll durch künstliche Intelligenz ersetzbar sein? Ein algorithmusbasiertes System in Form artifizieller Intelligenz existiert bereits mit den IBM-Supercomputern Watson und Ross, die juristische Fragestellungen beantworten können? Wann erlebt die deutsche Anwaltschaft ihr „Uber-Moment“ und wann kommt es zur Maschinenstürmerei deutscher Anwälte, wie wir er es in der Taxiindustrie in den USA gesehen haben? „Big Money“ und „die Chinesen“ drängen auf den deutschen Rechtsberatungsmarkt?


Allen voran Richard Susskind, einer der Referenten und Autor des Buches „The end of lawyers?“ (das bereits vor acht Jahren erschienen ist!) orakelte fleissig und behauptete eine disruptive Änderung auf dem deutschen Rechtsmarkt. Welche Voraussagekraft diese und ähnliche Prophezeiungen tatsächlich haben, darüber bestand zwischen Referenten und Teilnehmern naturgemäß kein Konsens. Und so waren es auch eher Paradigmen als valide, von Zahlen getragene Voraussagen, die das Publikum zu verdauen hatte.


Zugegeben: Die klassische, konservative Anwaltschaft ist wenig geneigt, sich mit der wachsenden Erwartungshaltung ihrer Mandanten auseinanderzusetzen oder gar innovative Ideen selbst zu entwickeln. Welche Kanzlei hierzulande beschäftigt schon einen CIO (Chief Innovation Officer) - in den USA keine Seltenheit. Während deutsche Anwälte noch an der Einführung des besonderen elektronischen Postfachs, dem Umgang mit E-Mail und Cloud-basierten Lösungen diskutieren und der Gesetzgeber derzeit damit beschäftigt ist, ein Gesetz zu beschließen, das ab 2026 (sic!) die elektronische Akte in Strafsachen vorsieht, hat sich in anderen Ländern der Markt der Legal-Tech-Unternehmen bereits fest etabliert und mittlerweile konsolidiert. Ungefähr 550 dieser Unternehmungen werden in diesem Bereich gezählt und wöchentlich kommen neue hinzu.


Einer der Referenten, Dr. Roland Vogl, Executive Director and Lecturer in Law der Stanford University teilt diese in drei Kategorien: Technologien zur Informationsabfrage (Suche in Rechtsdatenbanken, intelligente Dokumentendurchsicht, Vertragsanalyse und –verwaltung), zur Vernetzung von Praktikern (Anwaltsnetzwerke) und zur Automatisierung von juristischen Abläufen (automatisierte Vertragsgestaltung).


Änderungen sind bereits im Gange: Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Die Digitalisierung hat einen infrastrukturellen Charakter. Das Wissensmonopol deutscher Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte schrumpft und die ständige Verfügbarkeit von rechtlich relevantem Wissen ändert sich rasant. Die klassische Einzelanfertigung anwaltlicher Beratungsleistungen wird sich nicht halten lassen, standardisierte Beratungsleistungen werden zunehmen. Unternehmensjuristen stehen unter erheblichem Kostendruck und haben eine wachsende Erwartungshaltung. Sie fordern für das gleiche Honorar mehr Leistung (das viel zitierte „more for less“). Und Anwälte rücken in die zweite Reihe, wie es Markus Hartung betonte: Internetplattformen, die nicht von Anwälten betrieben werden, nehmen an Bedeutung zu, da diese besser wissen, was die Mandanten wollen, in welcher Form Antworten erwartet werden und zu welchem Preis.


Auch wenn die teilweise düsteren Töne, in denen die Zukunft der deutschen Rechtsberatung gezeichnet wurde, größtenteils gewagte Verheißungen sein mögen. Die deutsche Anwaltschaft steht vor einer erheblichen Veränderung und wer glaubt, dass Digitalisierung und neue Konkurrenz in Form von Outsourcing-Anbietern für Rechtsdienstleistungen (LPOs) und Legal-Tech-Unternehmen den einzelnen Anwalt hierzulande verschonen, wäre naiv. Wir sollten daher auf unsere Mandanten hören und Systeme annehmen und auch selbst entwickeln, die nicht nur uns die Arbeit erleichtern sondern dem Verbraucher den Zugang zum Recht erleichtern. Wir sollten unsere Personal-, Angebots- und Preisstrukturen anpassen und zwar heute und nicht in geläufiger Anwaltsmanier am letzten Tag der Frist. Aber ist das wirklich etwas Neues, gar Zukunftsweisendes: Dass wir unternehmerischer werden müssen?

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Prof.  Dr.  Matthias Kilian auf dem Anwaltszukunftskongress über zukunfstfähige Kannzleistrategien.

Foto: Dr.  Auffermann


Kammerton 09-2016

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