Uwe Freyschmidt,Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins, antwortet

Im Herbst 2015 wurde RA Uwe Freyschmidt zum neuen Vorsitzenden des Berliner Anwaltsvereins gewählt. Vor kurzem war er in dieser Rolle besonders gefordert: Der Deutsche Anwaltstag fand vom 1. – 3. Juni 2016 in Berlin statt. Aus diesem Anlass wurde er vom Tagesspiegel (erschienen am 02.06.2016) interviewt und stellte fest: „Die Berliner Justiz ist zu schlecht ausgestattet“ und „Ich finde, es wird zu schnell das Strafrecht aktiviert“. Auf diesem Gebiet kennt sich Freyschmidt aus: Seit 1998 ist er Fachanwalt für Strafrecht und auf Wirtschaftsstrafsachen und Arztstrafsachen spezialisiert. Rechtsanwalt Freyschmidt hat viel veröffentlicht und kündigt im RAK-Fragebogen an: „Ich arbeite gerade an einem Exposé für ein neues Sachbuch“.


Warum sind Sie Rechtsanwalt geworden?


Meine Motivation war und ist, Menschen zu dienen. Hinzu kommt, dass die anwaltliche Dienstleistung die Möglichkeit eröffnet, juristisches Denken und unternehmerisches, unabhängiges Handeln zu verbinden.


Ihre Vorbilder in der Anwaltschaft?


In Deutschland: Max Alsberg.

International: Alan M. Dershowitz.


Welche drei Eigenschaften sollte ein guter Rechtsanwalt oder eine gute Rechtsanwältin haben?


1. Überzeugungskraft

2. Kommunikationsfähigkeit

3. Strategisches Denken


Wem empfehlen Sie, sich zur Anwaltschaft zuzulassen?


Menschen mit dem brennenden Wunsch, durch den Einsatz Ihrer Stärken – neben den drei genannten Eigenschaften wären noch Verantwortungsgefühl und Selbstdisziplin zu nennen – für andere, zumeist hilfesuchende Mitmenschen etwas zu bewirken.


Welche berufsrechtlichen Vorschriften für die Anwaltschaft halten Sie für notwendig oder aber für überflüssig?


Zentral sind und bleiben die anwaltlichen Grundwerte Unabhängigkeit, Verschwiegenheit, Verbot von Interessenkollisionen, Gewissenhaftigkeit! Die Ausprägung im Einzelnen müssen wir immer wieder diskutieren und den aktuellen - derzeit vor allem den technischen - Herausforderungen anpassen. Ich begrüße sehr die Konkretisierung der Fortbildungspflicht - das ist neben den Grundwerten ein weiterer Standard, mit dem wir Anwälte uns von anderen angeblichen „Wettbewerbern" auf dem Rechtsberatungsmarkt absetzen. Die Anwaltschaft und unsere Mandanten haben ein starkes Interesse an der systemischen Qualitätssicherung durch Fortbildung, denn das führt zu einer zusätzlichen Unterscheidung mit anderen Anbietern von Beratungsleistungen.


Worum geht es Ihnen bei Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in nächster Zeit?


Nachdem das erste Halbjahr meines Amtes als Vorsitzender des BAV von der – gemeinsam mit der Rechtsanwaltskammer initiierten – Vermittlung von anwaltlichen Vormündern für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge geprägt war, möchte ich nun den Rest des Jahres nutzen, um gemeinsam mit dem Vorstand Projekte zu entwickeln, die der stärkeren Vernetzung innerhalb des Berliner Anwaltsvereins zugute kommen.

Insbesondere möchten wir jungen Anwältinnen und Anwälten neue attraktive Angebote machen. Dazu gehören die Möglichkeiten, in einen persönlichen Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen eintreten zu können, den Aufbau der eigenen Kanzlei durch Kanzleimanagementkurse erfolgreich zu gestalten und durch eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit der Arbeitskreise gleichgesinnte Kolleginnen und Kollegen aus anderen Rechtsgebieten kennenzulernen.


Was war Ihr Beweggrund für dieses Ehrenamt?


Die vielen noch lange nicht ausgereizten Möglichkeiten, die der Berliner Anwaltsverein bietet. Ich sehe mich dabei nur als ein Impulsgeber, der die vielen Ideen, Themen und Projekte strukturiert und moderiert. Kein Zweifel: Die kommenden Jahre werden zunehmend von interdisziplinärem und generationsübergreifendem Austausch geprägt sein. Gerade Anwältinnen und Anwälte, die sich spezialisieren, brauchen dabei eine Plattform, um ihre besonderen Fähigkeiten zu präsentieren und mandatsrelevante Kontakte zu knüpfen.

Darüber hinaus muss die Stimme des BAV verstärkt in der rechtspolitischen Debatte vernehmbar sein. Ein Beispiel: Während auf der einen Seite die Überlastung der Justiz beklagt wird, führen auf der anderen Seite aktuelle gesellschaftliche Probleme fast reflektorisch zum sofortigen Ruf nach gesetzgeberischem Aktionismus gerade im Bereich des Strafrechts. Diese Entwicklung kann nicht reibungslos verlaufen und muss kritisch begleitet werden.


Wieviel Zeit benötigen Sie für diese Aufgabe?


Ich habe mir vorgenommen, meinen Mandanten weiterhin qualitativ uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen. Das ist mein inneres Limit für den Umfang meiner Tätigkeit als Vorsitzender. Ohne eine gewisse Selbstdisziplin – zum Beispiel sehr früh aufzustehen – und einen Vorstand, der motiviert tolle Arbeit leistet, würde das nicht funktionieren. Konkreter ist die Frage kaum zu beantworten, dafür sind die täglichen Anforderungen zu unterschiedlich.


Wofür fehlt der Anwaltschaft die Zeit?


Stillpoints. Atemholen und über das „Warum“ bestimmter Tätigkeiten nachzudenken, statt Tage gedankenlos im Hamsterrad zu verbringen. Durch die digitale Entwicklung ist alles noch schneller geworden; wir müssen das aber nicht uneingeschränkt mitgehen.


Nutzen Sie soziale Netzwerke?


Ja. Privat bin ich bei Facebook, beruflich bei LinkedIn vernetzt.



Wenn Du Erfolg haben willst, musst Du bereit sein, die Extra-Meile zu gehen.

Uwe Freyschmidt

Was macht Sie wütend?


Staatsdiener, die unnötige Barrieren aufbauen. Beispiel: Staatsanwälte, die sich damit brüsten, der § 153a StPO (Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage) käme bei ihnen nicht zur Anwendung. Oder Richter, die „am Telefon grundsätzlich nicht mit Anwälten sprechen“. Einzelexemplare, aber es gibt sie.


Welchem Thema würden Sie ein Buch widmen und mit welchem Titel versehen?

Ich arbeite gerade an einem Exposé für ein neues Sachbuch und bitte daher um Verständnis für meine Zurückhaltung bei der Beantwortung dieser Frage.


Welche Veränderungen im Berufsalltag schätzen Sie besonders?

Die hohe Komplexität vieler Verfahren hat die Bereitschaft zur prozessualen Verständigung erhöht. Als Verteidiger in Wirtschaftsstrafsachen erfahre ich das sehr häufig. Ich halte diese Berührungspunkte außerhalb der Verhandlung für sinnvoll, natürlich mit Ausnahme ausschließlich kontrovers zu behandelnder Fälle.


Mit wem würden Sie gerne einen Tag die Rolle tauschen?

Privat: George Clooney.

Beruflich: Prof. Dr. Thomas Fischer. Grund: Die Entscheidungsfindung beim BGH, gerade in umstrittenen Fällen, interessiert mich.


Haben Männer es in Ihrem Beruf leichter als Frauen?

Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben in Gleichstellungsfragen zweifellos große Fortschritte gebracht. Trotzdem ist noch Einiges zu tun: So ist es z.B. für erziehende Kolleginnen in einigen Kanzleien weiterhin schwierig, in Teilzeit zu arbeiten.


Welche Stärken und welche Schwächen haben Sie?


Ich bin bis heute kein guter Verlierer, auch wenn ich um des eigenen Seelenfriedens willen daran arbeite.

Andererseits glaube ich, mich relativ schnell in die Gedanken, Gefühle und Motivationen anderer Menschen hinein versetzen zu können, was sich durchaus nicht nur im Gerichtssaal als hilfreich erweisen kann.


Ihr größter Flop?


Im ersten Jahr meiner Tätigkeit durfte ich einen erkrankten Kanzlei-Kollegen kurzfristig in einer baurechtlichen Tätigkeit („Punktesache“) vor einer Zivilkammer des Landgerichts Berlin vertreten. Da ich schon immer von Hause aus Strafverteidiger gewesen bin, ist mir mein eher unprofessioneller „Auftritt“ bis heute in schlimmer Erinnerung geblieben. Wenigstens ein Gutes hatte er: Meine Spezialisierung auf das Wirtschaftsstrafrecht stand damit endgültig fest.


Was lesen / hören / schauen Sie morgens als erstes?


Eine örtliche und eine überörtliche Tageszeitung – als E-paper


Ihr liebstes Hobby?


Sport – aktiv und passiv – und am liebsten, wenn ein Ball im Spiel ist; außerdem lese ich gerne, vorzugsweise die bretonischen Krimis von Jean-Luc Bannalec oder die im Berlin der 20er/30er Jahre spielenden Werke von Volker Kutscher.


Welche berufliche Entscheidung würden Sie rückblickend anders treffen?


Keine. Ich habe wie jeder Mensch Fehler gemacht, die ich aber rückblickend als notwendigen Teil meiner Entwicklung sehe.


Welcher Rat hat Ihnen auf Ihrem Berufsweg besonders geholfen?


If you want success, you´ve got to go the extra mile! Wenn Du Erfolg haben willst, musst Du bereit sein, die Extra-Meile zu gehen.

Kammerton 06-2016

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