Fragen an RAuN John Flüh, AGH-Richter von 2004 bis 2018

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 Rechtsanwalt und Notar John Flüh



RAuN John Flüh ist am 06. Januar 2018 aus dem Anwaltsgerichtshof Berlin ausgeschieden. Seit 07. Januar 2004 war er ehrenamtlicher Richter am AGH, seit 16. April 2012 als Vorsitzender des II. Senats. John Flüh, Partner bei Hengeler Mueller, ist seit 1999 auch Notar und als Anwalt im Gesellschafts- Immobilien- und Erbrecht tätig. Von 1999 bis 2003 war er Vorstandsmitglied der Rechtsanwaltskammer Berlin.


Kammerton: Sie scheiden nach langjährigem ehrenamtlichem Richterdienst am Anwaltsgerichtshof aus. Wie ist Ihre Bilanz und welche Empfindungen verspüren Sie zum Abschied?

RAuN John Flüh: Persönlich als große Bereicherung. Ich konnte Erfahrungen sammeln – etwa in den Tiefen der StPO, bei der Beratung im Senat und als Vorsitzender dann auch in der Verhandlungsführung, die ich in meiner angestammten Tätigkeit als wirtschaftsberatender Anwalt und Notar so nicht gesammelt hätte. Wir haben in sehr kollegialer Weise im Senat und mit den Kollegen des anderen Senats zusammen gearbeitet, es hat viel Spaß gemacht und ich gehe auch nur, weil ich, wiederum ehrenamtlich, den Vorsitz im Stiftungsrat einer großen gemeinnützigen Stiftung übernommen habe.


Wie hoch war eigentlich die Arbeitsbelastung, zumal als Vorsitzender des II. Senats in den vergangenen Jahren?

Die Tätigkeit im Anwaltsgerichtshof ist normalerweise gut zu bewältigen, es war selten mehr als ein Tag im Monat.


Die Senate des Anwaltsgerichtshof treten als Spruchkörper in einer Besetzung von drei anwaltlichen Mitgliedern und zwei hauptamtlichen Richtern des Kammergerichts auf. Wie hat sich die Zusammenarbeit der verschiedenen Mitglieder entwickelt? Haben die Berufsrichterinnen und -richter das letzte Wort?

Wir haben in den Beratungen sehr häufig festgestellt, dass der berufliche Hintergrund die Einstellung zum Fall prägt. Das hat häufig zu lebhaften Diskussionen zwischen den Berufsrichtern einerseits und den Anwaltsrichtern andererseits, aber auch zwischen den Anwaltsrichtern – Strafverteidiger vs. Zivilrechtler - geführt. Wir sind dennoch über die Jahre fast ausnahmslos zu einstimmigen Entscheidungen gekommen. Sehr dankbar war ich den Berufsrichtern dafür, dass sie den Urteilen und Beschlüssen mit ihrer Erfahrung häufig noch den letzten Schliff geben konnten.


Welche Verfahrensarten am Anwaltsgerichtshof prägen die Tätigkeit des Anwaltsgerichtshof?

Im Wesentlichen haben wir es beim Anwaltsgerichtshof mit Klageverfahen gegen Entscheidungen der Rechtsanwaltskammer, für die die VwGO gilt, und mit Berufungen gegen Disziplinarentscheidungen des Anwaltsgerichts zu tun, die nach der StPO und mit der Generalstaatsanwaltschaft verhandelt werden. Das ist schon ein ziemlicher Spagat, wenn man hier im Laufe eines Verhandlungstages mehrfach wechseln muss.


Sie haben maßgeblich an der bedeutsamen Entscheidung beteiligt, die das besondere elektronische Anwaltspostfach faktisch stoppte. Welche Erwägungsgründe waren seinerzeit maßgeblich?

Das steht ja hoffentlich in der Begründung. Wir konnten eine Pflicht der Rechtsanwälte zur Nutzung des beA vor dem 1. Januar 2018 nicht feststellen.


Die seinerzeitige Verhandlung hat wohl alle Besucherrekorde des AGH gebrochen – es waren knapp einhundert Interessierte anwesend, darunter die Spitze der Bundesrechtsanwaltskammer. War dies eine besondere Herausforderung für die Verhandlungsführung?

Es war wohl überhaupt das erste Verfahren gegen die Bundesrechtsanwaltskammer, so wurde auch unsere Zuständigkeit zunächst in Frage gestellt. Die Schwierigkeit lag aber vor allem darin, zu einem Ergebnis zu kommen, das nicht Dutzende oder gar Hunderte weiterer Verfahren nach sich gezogen hätte. Damit wären wir ehrenamtliche Richter schlicht überfordert gewesen. Das ist glücklicherweise gelungen.


An welche anderen wichtigen Entscheidungen fallen in Ihre Amtszeit?

Die wichtigsten Entscheidungen sind leider auch die traurigsten, die Widerrufe der Anwaltszulassung wegen Vermögensverfalls. Diese Fälle kommen zu uns erst, wenn es meist zu spät ist und sich die Kollegen selbst schon ein Stück weit aufgegeben haben. Die Prozesse werden dann häufig nur noch halbherzig geführt. Man wünscht den Kollegen oft eine Vertretung, die ihren Fall, auch schon vor der Rechtsanwaltskammer, besser vertritt, für geordneten Vortrag und die Klärung der Vermögensverhältnisse sorgt.


Sie waren vor Ihrer Tätigkeit eines der jüngsten Vorstandsmitglieder der Rechtsanwaltskammer Berlin – in der Abteilung III, seinerzeit mit Anwaltspersönlichkeiten wie RAuN Jann Fiedler, dem später sehr respektierten Kammer-Vizepräsidenten, RAuN‘ Angelika Bellinger, die seinerzeit an den Berliner Verfassungsgerichtshof wechselte, und RAuN Dr. Hans-Michel Giesen, der bis heute maßgeblich in der Satzungsversammlung mitarbeitet. Welche Erinnerungen haben Sie an die Vorstands- und Abteilungsarbeit?

Stimmt, mit all diesen Berühmtheiten durfte ich zusammenarbeiten und ich denke gerne daran zurück, sowohl an die engagierten Diskussionen im Vorstand, wie auch an Jann Fiedlers liebenswürdige und kluge Art, mich in die Arbeit der Beschlussabteilung einzuführen.

Kammerton 0102-2018

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