Gedenken an Hans Litten an seinem 80. Todestag

Es war eine bedrückende Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Todestages von Rechtsanwalt Hans Litten. Die Bundesrechtsanwaltskammer und die Rechtsanwaltskammer hatten für den Nachmittag des 1. Februar 2018 in eines der ältesten Kinos Deutschlands, das Moviemento in Kreuzberg eingeladen, in dem schon seit dem Kaiserreich Filme gezeigt werden. Auf dem Programm stand eine Lesung aus dem Buch „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ von Irmgard Litten über den Kampf für ihren Sohn Hans, zuvor aber ein Blick in die schwierige Gegenwart anderer Länder.

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v.l.n.r.: Dr. Marcus Mollnau, Prof. Marcin Matczak, Zaza Khatiashvili, Patricia Litten, Dr. Heinrich Wefing, Prof. Zeynep Kivilcim und Dr. Thomas Remmers. In der Mitte Bilder von Hans Litten und seiner Mutter Irmgard Litten.

Fotos: Michael Gottschalk


Professorin Zeynep Kivilcim schilderte zu Beginn, sie habe 20 Jahre lange an den öffentlichen Universitäten in der Türkei gelehrt und sei am 29. Oktober 2016 aufgrund eines Notstandsdekrets wegen angeblicher Kontakte zu Terroristen entlassen und aus dem öffentlichen Dienst verbannt worden. Wahrscheinlich beruhe dies darauf, dass sie einen Friedensappell unterschrieben habe, in dem die Regierung für ihre Aktionen in den kurdischen Provinzen kritisiert worden sei. Sie ist inzwischen Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, ihr rechtlicher Status hier, so Prof. Kivilcim, sei aber ungeklärt: „Das deutsche Einwanderungsrecht schafft wenig Sicherheit“. Kivilcim schilderte die verheerenden Auswirkungen der Notstandsgesetzgebung durch Dekrete in der Türkei, die den Rechtsstaat beseitige. Gegen die Massenentlassungen gebe es in der Türkei kein effektives Rechtsmittel mehr, dennoch habe der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einen

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Professorin Zeynep Kivilcim berichtet über ihre Entlassung in der Türkei.

großen Teil der Beschwerden aus der Türkei mit der Begründung zurückgewiesen, die innerstaatlichen Rechtsmittel nicht ausgeschöpft zu haben.

Aus Georgien berichtete Zaza Khatiashvili, von 2009 bis 2017 Präsident der georgischen Rechtsanwaltskammer. Zu Beginn seiner Amtszeit seien unter dem damaligen Präsidenten Saakaschwili 111 Kollegen zum größten Teil aufgrund fiktiver Anklagen inhaftiert gewesen. Mit zahlreichen Protestaktionen, auch mit Hilfe der EU-Kommission und der internationalen Anwaltsorganisation CCBE, sei es ihm gelungen, die Freilassung der Kollegen zu erreichen und die Stellung der Rechtsanwaltskammer deutlich zu verbessern. Nach diesem immer wieder heftigen Kampf sagte Khatiasvili: „Ich bin froh, noch am Leben zu sein“.


„Die Situation in Polen ist nicht so schlimm wie in der Türkei oder in Georgien“, stellte Prof. Marcin Matczak, außerordentlicher Professor an der Warschauer Universität, fest. Er betonte, dass die Situation im zentralen Osteuropa auch nicht mit der Zeit vor 80 Jahren in Deutschland vergleichbar sei. In Polen bestehe, gefördert von der Regierung, zurzeit ein immer stärkeres Misstrauen gegenüber dem Rechtsstaat, da dieser als Hindernis für einfache und gute Lösungen betrachtet werde. Dieser Entwicklung könnten die Juristen nur begegnen, wenn es - auch in den sozialen Netzwerken - gelinge, die Laien in einfacher Sprache von den Vorteilen des Rechtsstaates zu überzeugen.


Dr. Heinrich Wefing, Redakteur der ZEIT, befragte anschließend sehr sachkundig die drei Referenten und moderierte die Diskussion mit dem Publikum.

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 Patricia Litten, Nichte von Hans Litten,. bei der Lesung aus...


Nach einer Pause las im zweiten Teil der Veranstaltung Patricia Litten, die Nichte von Hans Litten, eindrucksvoll und emotional aus dem Buch Irmgard Littens „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“. In diesem Buch schildert die Mutter ihren Kampf für die Freilassung ihres Sohnes und für bessere Haftbedingungen mit zahllosen Gesprächen auch auf hoher Ebene – ohne Erfolg. Irmgard Litten kommunizierte mit ihrem Sohn während dessen Haft oft in Form von Codewörtern. Im Alter von 34 Jahren begeht Hans Litten 1938 im KZ Dachau Selbstmord.


Die Lesung wurde musikalisch begleitet von Birgit Förstner am Cello.


Zu Beginn hatten RAuN Dr. Thomas Remmers, Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer, und RAuN Dr. Marcus Mollnau, Präsident der Rechtsanwaltskammer Berlin, die Gäste begrüßt.

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 ...dem Buch "Eine Mutter kämpft gegen Hitler".


Dr. Remmers skizzierte das Leben von Hans Litten und verband dies mit den heutigen Erfahrungen im Kampf für die Menschenrechte, die im Anschluss die Gäste aus der Türkei, Georgien und aus Polen schilderten. Dr. Mollnau wies darauf hin, dass vor allem die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ) in den 80er Jahren dazu beigetragen habe, dass man sich in der Bundesrepublik Hans Littens angenommen habe. Durch das engagierte Wirken der Berliner Anwaltschaft sei verhindert worden, dass nach der Wiedervereinigung der Littenstraße ein „politisch unverdächtiger“ Name gegeben worden sei. Dr.Mollnau betonte, es sei die Aufgabe der Kammern, sich international bei der Verteidigung der anwaltlichen Rechte zu engagieren.

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Unter den Gästen waren Justizsenator Dr. Dirk Behrendt, Christoph Flügge, bis Ende 2017 Richter am UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien, Monika Nöhre, Schlichterin der Schlichtungsstelle der Rechtsanwaltschaft, Gabriele Nieradzik, Präsidentin des LG Berlin, Prof. Maria Wersig, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, Dr.Margarete von Galen, Vizepräsidentin des Rates der Europäischen Anwaltschaften (CCBE) und frühere Präsidentin der RAK Berlin, Bernd Häusler, früherer Vizepräsident und Menschenrechtsbeauftragter der RAK Berlin, und Prof. Reinhard Singer, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Anwaltsrecht an der HU.


Die meisten Gäste blieben im Anschluss zu einem Empfang im Kino Moviemento.

Kammerton 0102-2018

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